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Die historische Bahnhofstraße Gießen

Die mittlere Bahnhofstrasse an der Wieseck-Brücke

Historische Bahnhofstraße - Rückblick & Zukunft

Wer in der Gießener Bahnhofstrasse ansässig ist oder sie schon mal in Ihrer ganzen Länge abgewandert ist - vom Bahnhof bis zu ihrer Einmündung Neustadt/Marktstraße ist es fast eine englische Meile (1.524m) -, der wird nicht unbedingt das Bild einer Flaniermeile vor seinen Augen haben.
Leider sind manche Bereiche der Bahnhofstraße in einem Zustand, der auf dem Weg vom Bahnhof in die Innenstadt einen wenig einladenden ersten Eindruck von Gießen vermittelt. Einer Stadt, die ja bekanntlich durch die Folgen des 2. Weltkrieges viel, und möglicherweise mehr noch durch die Bausünden der 60er Jahre von ihrer Attraktivität verloren hat.

Da stimmt es fast traurig, wenn man durch alte Fotografien und Postkarten vor Augen geführt bekommt, wie schön viele Ecken Gießens waren, und was alles durch Hybris, Dummheit und Spekulation verloren gegangen ist.

Sicherlich ist der Bereich Bahnhofstraße nur ein kleiner Ausschnitt Gießens, und es ließen sich zu Recht unzählige andere Beispiele für Bausünden und Verwahrlosung aufführen. Aber zwei Gründe machen die Bahnhofstraße zu einer Ausnahme in der Betrachtung Gießens unter diesen Aspekten.

Zum Einen ist es ihre Verkehrsanbindung an den Bahnhof. Dieser ist unbestritten Jahr um Jahr für unzählige Kongressteilnehmer der Gießener Universitätsfakultäten sowie viele hundert weitere Übernachtungsgäste der internationalen Frankfurter Messen das Einfallstor in unsere Stadt.
Der erste Eindruck zählt, so sagt man landläufig - und sicher ist das richtig!
Leider, möchte man da aus Sicht eines „Schlammbeißers“ wohl gerne hinzufügen.
Der zweite wesentliche Unterschied zu vielen Quartieren Gießens ist –

und auch hier möchte man ein bedauerndes Leider hinzufügen -, dass vieles schlicht und einfach für immer verloren gegangen ist.
Einen blassen Eindruck des Gießener Marktplatzes kann man sich jetzt nur noch im Hessenpark oder auf alten Fotos und Postkarten verschaffen. Die stolze, historische Flaniermeile „Seltersweg“ mit ihren herrschaftlichen Jugendstilhäusern ist unwiederbringlich untergegangen. Und natürlich hat auch die Bahnhofstraße Gießens vieles unwiederbringlich verloren.

Aber nicht alles und nicht überall, im Gegenteil!

Es gibt sie noch, die historische Bausubstanz, und vieles Schöne ist nur unter dem Schmutz der jahrzehntelangen Verwahrlosung verborgen. Man muss nur einmal mit wachen Augen diese Straße entlang spazieren – am Besten an einem Sonntagmorgen, wenn der Verkehr ruhiger fließt – und sich vorstellen, wie es früher wohl war und auch, wie es wieder sein könnte.
Wie es sein könnte, wenn ein wenig Engagement und gemeinsamer politischer Wille zu einer Veränderung in der Wahrnehmung und Haltung unserer Politiker führen würde.

Es ist an der Zeit, dass erkannt wird, dass hier unbezahlbare Ressourcen für das Image und Marketing unserer Stadt ungenutzt vor sich hin gammeln.
Mehr noch! So, wie sich diese Straße den Besuchern unserer Stadt heute darstellt, schadet sie dem ganzen Standort, denn dieses negative Bild setzt sich fest und wird weiter getragen. Und Entschuldigung, aber ist man auf seiner „Wanderung“ durch die Bahnhofstraße erst im Seltersweg oder der Neustadt angelangt , wird dieser erste Eindruck auch nicht durch die „überbordende Schönheit“ unserer Innenstadt hinweggewischt.

Historische Bahnhofstraße Gießen

Parademeile Bahnhofstraße:

Das Bild zeigt die Bahnhofstrasse vor 1918. (Die vermutlich „rot-weißen“ Fahnen für das Großherzogtum Hessen im Hintergrund, waren nach 1918 nicht mehr gebräuchlich). Rechts zu sehen, das Samenhaus Hahn.

Das Gießener Fuhrunternehmen Euler

Gewerbe & Dienstleistung in der Bahnhofstraße:

Ludwig Euler kurz nach dem Krieg (1945/'46) bei Aufräumungsarbeiten vor den Ruinengrundstücken der Bahnhofstraße.

Nicht ganz in der Bahnhofstrasse, jedoch in unmittelbarere Nachbarschaft, „Hinter der Westanlage 5“, dort wo heute das Parkhaus Liebig-Center steht, war das Fuhrunternehmen Euler beheimatet. Bis ca. 1950 betrieb dort Ludwig Euler zusammen mit seinen Geschwistern das Gießener Fuhrunternehmen, das unter anderem Transporte vom und zum Bahnhof abwickelte.

Noch bis Anfang der 60er Jahre waren die Euler-Brüder mit Ihren Familien hier ansässig und auch Pferde wurden dort vom Pferdeliebhaber Ludwig Euler noch gehalten.
Erst 1961 mussten die Familien fortziehen. Grundstück und Haus wurden, um Bauarbeiten an der Ecke Bahnhofstrasse /Westanlage zu ermöglichen, von der Stadt Gießen unter Oberbürgermeister Oswald, enteignet. Später verkaufte die Stadt das Gelände dann an die Familie/Firma Sommerlad.

Sicherlich war die Familie Euler über diese Vorgänge nicht sonderlich erfreut, denn auch wenn das Fuhrunternehmen damals schon längst nicht mehr bestand,

viel waren 81.000 DM, die als Entschädigung gezahlt wurden, für ein solches Grundstück nicht. Und das Geld musste ja auch noch unter den vier Geschwistern aufgeteilt werden.
Eine jedoch konnte alldem aber auch ein Gutes abgewinnen. Frau Euler, die uns die Geschichte Ihrer Familie in der Gießener Bahnhofstraße erzählte, sagte uns mit einem Schmunzeln im Gesicht: „Nun ja, ich bin dem Herrn Oswald jedenfalls nicht böse. So konnte ich, als wir unser Haus verlassen mussten, immerhin der Fuchtel meiner drei Schwägerinnen entrinnen.“

Wir danken Frau Else Euler, die jetzt in der Karl-Vogt-Str. in Gießen lebt, für Ihre Bilder und die vielen Hintergrundinformationen.

Sollten auch Sie Bilder und Geschichten aus der Bahnhofstraße für uns haben, wenden Sie sich bitte an:
Thomas Kriebs & Carsten Rummer
IG-Bahnhofstrasse Gießen
0641 / 971 921 0 & 0641 / 736 00
Mail: info@ig-bahnhofstrasse.de
Internet: www.ig-bahnhofstrasse.de

Erste Bilder von der historischen Bahnhofstraße